Der Rückblick auf die erste Halbzeit ist aus unserer Sicht schnell abgehandelt: ungenügend. Wir liessen vieles vermissen, was wir uns vorgenommen hatten, agierten zu träge und im Aufbauspiel zu fehlerhaft. Das spielte den Gästen aus Cham selbstverständlich in die Karten. Sie traten so auf, wie es zu erwarten war: bissig und physisch präsent, präsenter als wir auf jeden Fall.
Wir fanden in den ersten 45 Minuten kaum spielerische Lösungen gegen das körperbetonte Spiel der Gäste – und luden die Zuger mit Eigenfehlern zu Toren ein. Sowohl beim 0:1, nach einer Ecke als auch beim 0:2, nach einem leichtfertigen Ballverlust im Mittelfeld.

Als wir nach dem Seitenwechsel mit neuem Elan starten wollten, führte erneut ein Ballverlust in der eigenen Platzhälfte zum 0:3. 47 Minuten waren da erst gespielt.
Es passte zu dieser Tragödie (als dramaturgische Gattung zu verstehen), dass wir erst jetzt wirklich zu unserem Spiel fanden. Jetzt kamen die spielerischen Lösungen, der Offensivschwung, den wir bis zu diesem Zeitpunkt fast vollständig – und eigentlich unerklärlich – vermissen liessen.

Rrezi verkürzte nach einem temporeichen Angriff über die linke Seite via Daoud und Luka auf 1:3. Luka traf nach einem Foul an Marco per Elfmeter – knapp 70 Minuten waren gespielt.
Es blieb also Zeit für den Ausgleich. Wir drückten auf das 3:3, bestimmten nun dieses Duell. Cham wehrte sich nach Kräften, stand tief und durfte ein-, zweimal auch das Glück in Anspruch nehmen.

Jorge hatte eine dicke Chance, allein vor Diego Heller. Martins Freistoss wurde mit den Fingerspitzen entschärft, und bei jedem weiteren Abschlussversuch bekam Cham ein Bein oder sonst ein Körperteil dazwischen.
Ein Ausgleich wäre am Ende sicherlich nicht unverdient gewesen. Letztlich müssen wir nach der komplett missglückten ersten Halbzeit aber auch selbstkritisch zugestehen, dass solche Leistungen selten mit Punkten belohnt werden.

Wir bleiben dennoch an der Tabellenspitze, der Vorsprung ist noch immer komfortabel. Das darf uns aber nicht zur Genügsamkeit verleiten, sondern soll (muss) zusätzliche Motivation für die anstehenden Aufgaben sein, die nicht weniger schwierig werden dürften als heute. Weiter geht es am kommenden Samstag in Genf gegen Grand-Saconnex.
Kommentar von Oliver Kraaz
An Abenden wie diesen wünsche ich mir, dass ich irgendein anderes Hobby als Fussball hätte. Norwegische Gegenwartsliteratur. Oder Rückwärts-Dreiradfahren. Indoor-Grillieren. Schachübertragungen im Radio hören. Klingeltöne singen oder Fertigpizzas in Zutaten zerlegen – irgendwas einfach, bei dem man keinen Ärger und keine Enttäuschung erlebt.
Will heissen: Keine solche Partien erleben muss wie gegen Cham.

Okay, in jeder guten Saison gibt es vergurkte Spiele, in denen man dem Gegner einen Gutschein für einen Auswärtssieg ausstellt. Aber ausgerechnet gegen Cham? Vor rund 1’500(!) partyfreudigen Fans?
Das «ausgerechnet» ist jetzt nicht sehr nett, ich weiss. Aber liebe Cham-Fans, ihr werdet mir dies nachsehen. Fussball ist nun mal ein Fest der Emotionen und des wohltemperierten Chauvinismus. Und wenn Samstagabend in Cham wegen des 2:3-Sieges offizielle eine Freinacht von 21:00 bis 22:00 Uhr stattfand, wie man gerüchteweise hört, dann mag ich dies auch jedem der sieben Cham-Fans gönnen.

Geneigter Leser wird realisieren, dass mich Cham-Spiele aus der Fassung bringen. Was es genau ist, wird mein Seelsorger und Psychologe erst herausfinden müssen. Dem Ganzen kann Kindheitstrauma zu Grunde liegen. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass Cham Bandenwerbung von Glencore im Stadion hat.
Grundsätzlich ist vielleicht auch der Tag intensiv gewesen. Unter den Zuschauern waren viele Menschen, die am Samstagmorgen bereits an der Abschiedsfeier des früh erstorbenen Nino Erni waren. Ein Kind des SC Kriens, Sohn der SC Kriens-Legende Roger Erni.

An diesem Samstagmorgen war spürbar, was für eine Gemeinschaft ein Verein wie der SC Kriens sein kann. Unabhängig von der Liga und dem Spielausgang. Im Endeffekt ist Fussball eben doch nur ein Spiel. Wichtig ist, dass man es gemeinsam erlebt. Gewinnt man, ist es einfach noch etwas schöner.
Man kann dabei ja immer noch Klingeltöne singen – auch rückwärts auf einem Dreirad.
SC Kriens vs. SC Cham 2:3 (2:0)
Stadion Kleinfeld 1494 Zuschauerinnen und Zuschauer
Tore: 24′ Pauli 0:1, 30′ Vögele 0:2, 46′ Pasquarelli, 52′ Hoxha 1:3, 69′ Sliskovic 2:3 (Pen.)
SC Kriens: Zajac, Hermann (66′ Rüedi), Heiniger (46′ Willimann), Harperink, Riedmann (46′ Touré), François, Romano, Sliskovic, Hoxha (66′ Facal), Siegrist, Toggenburger (46′ Wicht)
SC Cham: Heller, Pauli (78′ Haag), Bühler, Zimmermann (46′ Schuler), Niederhauser (85′ Loosli), Franek, Bajric, Ris, Vögele, Pasquarelli (46′ Hegglin), Tia (85′ Flühmann)
Bemerkungen: SC Kriens ohne Fäh, Jetzer, Aversa (alle verletzt).

