Von Oliver Kraaz
Die Frau stand da, als wir mit dem Auto früh ins Kleinfeld abbogen. Und sie stand auch noch da, als wir nach 22:00 Uhr wieder auf die Heimfahrt einkurvten. Sie war Anfang 60, Leuchtweste, sicher keine Elitesoldatin der US-Marines, die, im Nahkampf ausgebildet, auch noch mit einem Wattestäbchen und Schuhbändel feindliche Fallschirmspringer beseitigen kann.
Nein. Sie war mehr der Typ, mit dem man gerne Kaffee trinken geht und darüber lästern möchte, dass Kopfsalat wieder teurer geworden ist und Dreiviertelhosen bei Männern ab 40 Jahren nicht vorteilhaft sind (wie bei mir, aber ich liebe sie).
Als Sicherheitsperson war sie wohl dazu abgestellt worden, die Fans des FC Winterthur anzuleiten, anständig ins Kleinfeld zu laufen und nicht in fremden Gärten die Notdurft zu verrichten oder sich gegenseitig in vor Wohnhäusern parkierten Kinderwagen ins Stadion zu kutschieren. Ideen, auf die junge Menschen nach dem konsequenten Genuss von Hopfenprodukten mit Alkohol gerne kommen. Vor allem auf Auswärtspartien.
Bei den Fans des FC Winterthur war dies nicht notwendig. Für alle, die mit Fussballfans nur dumpfbackige Einzeller in Fussball-Shirts vermuten, wäre der Ausflug ins Kleinfeld eine wohltuende Aufklärungslektion gewesen. Rund 400 Fans, lautstark, supportiv von der ersten bis zur überletzten Minute, Beifall spendend am Spielschluss für ihre eigene Mannschaft, die wohl auch sie selbst enttäuscht hat. Fussballkultur vom Feinsten.
Es war schön, den FC Winterthur auf dem Kleinfeld gehabt zu haben. Das «Prinzip FC Winterthur» tut jeder Liga, ja dem Fussball allgemein gut. Der Stimmung und der ganzen Fussballkultur wegen. Winterthur, das passt.
… wie gut das passt, das hätte auch die Sicherheitsfrau unterschrieben. Sie hätte an diesem Abend beim Licht der Taschenlampe wohl auch das 10’000-Teile-Puzzle «Die schönsten Atomkraftwerke der 90er-Jahre» legen oder einen norwegischen Schafswollpulli stricken können. Es gab sonst nichts zu tun. So sollte es einfach immer sein. Klar, das 2:0 und die drei Punkte haben wir natürlich gerne genommen. Wir sind ja auch nicht der FC Heilsarmee. Aber das versteht ihr in Winterthur sicher.
In dem Sinne: Bis bald. Wir freuen uns aufs nächste Mal.

