Wenn der Verein des Herzens fremd geht

Fan eines Vereins ist man lebenslänglich und nicht nur für eine Nacht, wenn gerade die Champions League-Sterne am Himmel funkeln. Das klingt wunderbar. Was aber, wenn der Verein fremd geht und nicht mehr derselbe ist, in dem man sich einmal verliebt hat?

Kolumne «Eckball» von Oliver Kraaz

«Wir werden ewig leben» ist ein Buch über Union Berlin, jenen Klub aus dem Ostteil Berlins, der so anders ist als alle andern Bundesligisten. Es schildert zwischen zwei Buchdeckeln, wie der Klub für zahlreiche Menschen das Leben schlechthin bedeutet: Familie, Heimat, Begleiter durch alle Lebensphasen, vielleicht sogar fast eine Glaubensgemeinschaft. Das Buch liest sich grossartig, weil es auch kritisch ist. Es geht um mehr als Fussball. 

Aber auch Union ist nicht mehr die Union früherer Tage. 

Früherer Tage, das heisst die Zeit, als der Klub mit Rumpelfussball durch die 2. und 3. Bundesliga, gar Regionalliga torkelte und mehr Betreibungen als Punkte sammelte. Das legendäre Stadion «Alte Försterei» war eine Bruchbude. Wer Union-Fan war, musste was aushalten können. VIP-Logen gab es nicht, auch kein Gedränge im Vorverkauf. Man ging hin, auch wenn der Fussball grottenschlecht war, was meist der Fall war. Und als das Stadion definitiv auseinanderfiel, bauten es die Fans in der Freizeit selber wieder auf. Eigenhändig und gratis. Das prägt.

Zu dieser Generation Unioner gehört auch mein Freund René in Berlin. Als Achtjähriger brachte ihn seine Grossmutter erstmals an ein Union-Spiel, in der damaligen DDR-Oberliga (Grossmutter: «Ein Junge muss Fussball gucken!»). René hat mehr Gurkenspiele als Kaviar-Fussball erlebt. Der Liebe tat es keinen Abbruch. Im Gegenteil. Er ist Unioner mit Leib und Seele. Im Moment des Aufstieges hatte er Tränen in den Augen. «Jetzt kommen alle grossen Vereine zu uns, Wahnsinn!» schrieb er mir zu den Aufstiegsvideos auf Whatsapp.

Die Vereine kamen, aber irgendwie lief etwas mit den Tickets schief. Etwas mehr als 20’000 Fans passen ins Stadion. Und gefühlt ebenso viele Menschen entdecken seit dem Aufstieg plötzlich, dass sie ja eigentlich Union-Fan sind. Es sind dieselben Menschen, die auch gerne unter dem Champions League-Sternenhimmel am Spiel sind. Und oft haben sie auch die besseren Möglichkeiten an rare Tickets zu kommen.

Nur: Irgendwo müssen die Tickets dann aber auch fehlen.

René hat seit dem Aufstieg kein einziges Bundesliga-Spiel gesehen. Okay, auf Sky im Fernsehen schon. Zuerst fehlten die Tickets, dann kam Corona. Es ist nicht übertrieben zu sagen: René sieht seine Familie nicht mehr. Denn auch seine Freunde aus den rostigen Union-Tagen kommen nicht mehr ins Stadion.

Wer ist schuld an dieser Verknappung? Man könnte sagen: Niemand. So spielt der Fussball: Ein Klub steigt auf, er braucht neue Sponsoren, neue Fans. Aber es gibt auf jeden Fall nur gleichviel Tickets.

Als ich kürzlich mit René telefonierte, meinte er: «Mir wäre der Abstieg fast lieber. Ein Heimspiel gegen Sandhausen ist besser als ein Heimspiel gegen Bayern, Schalke oder Dortmund. Da kann ich wenigstens dabei sein.» Offenbar geht es mehreren der alten Unions-Knappen so. Sie schauen sich unterdessen Spiele der U19 von Union an, weil es dafür immer Tickets gibt.

Nicht nur der Erfolg, auch der Misserfolg kann zum Fremdgehen führen.

Es kann auch im Misserfolg so ergehen. Mein Cousin wollte mit mir Kriens – GC schauen. Er konnte als kleines Kind früher «GC» sagen als Mami und Papi. Seine Gefühlslage als GC-Fan in den letzten Jahren kann ich mir nur ausmalen. Er muss sich wie ein Ehemann vorkommen, dessen Frau sich in wenigen Jahren so oft einer Schönheits-OP unterzogen hat, bis er sie nicht mehr erkennt. Dabei ist bekannt, dass spätestens nach zweimal Liften das Ergebnis selten zum Verlieben ist.

Die Entfremdung kann in der Krise oder im Erfolg leise beginnen. Das ist wohl die Crux daran: Wo beginnt der Verein fremd zu gehen? Und wer müsste den Alarmknopf drücken? Nicht selten schaut man auf alte Jubelbilder und denkt rückblickend: «Das war eigentlich der Anfang vom Ende.»

So ist der Fussball. Die Flugbahn des Balles ändert sich meist unauffällig noch in der Luft. Mit grosser Wirkung.

PS: Bei René in Berlin hängt in der Wohnung seit einiger Zeit ein SC Kriens-Schal.

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