Routine ist keine Frage des Alters

Elia Alessandrini stand mit Lionel Messi auf dem Platz, bei YB wurde er mit 19 Jahren Profi und schnupperte mit dem FC Thun Super-League-Luft. Jetzt wartet die zweite Saison im Kleinfeld auf den 23-jährigen Fussballer und Jus-Studenten.

Im Februar 2012 nahm die Fussball-Schweiz zum ersten mal Kenntnis von Elia Alessandrini. Da war er 15 Jahre alt und Ballbub beim Testländerspiel Schweiz gegen Argentinien in Bern. Als sich die Stars nach getaner Arbeit im Mittelkreis zum Handshake versammelten, steuerte Elia gerade- wegs auf Lionel Messi zu, reichte ihm die Hand und lächelte verschmitzt in die TV-Kamera. «Frecher YB-Ballbub schnappt sich Messi im Mittelkreis», titelte der Blick. «Wir hätten eigentlich nicht aufs Spielfeld gehen dürfen, aber ich habe mir gedacht, diese Chance kommt so schnell nicht wieder», sagt Elia Alessandrini rückblickend.

Fünf Jahre später steht Elia Alessandrini im August 2017 selber auf dem Rasen im Berner Wankdorf. Als Spieler des FC Thuns beim 4:0 Auswärtssieg über die Berner Young Boys. Sein bisher einziges Spiel in der Super League. Ausgerechnet gegen YB.

«Ich komme nicht aus einer typischen Fussballfamilie.»

Elia Alessandrini

Bei den Bernern kickte Alessandrini in sämtlichen Juniorenmannschaften. Parallel dazu für die Schweizer Junioren-Nati. Eine Bilderbuchkarriere, trotz verletzungsbedingten Rückschlägen. «Zwischen der U16 und der U18 habe ich nicht viele

Spiele gemacht und war praktisch zwei Jahre lang verletzt.» YB setzte trotzdem auf ihn. Mit 19 Jahren unterschreibt er seinen ersten Profivertrag. Wenig später wurde Elia Alessandrini Captain der U21-Mannschaft bei den Bernern. In die Wiege gelegt bekam Elia Alessandrini seine Fussballleidenschaft allerdings nicht. «Ich komme nicht aus einer typischen Fussballfamilie. Wenn ich Bilder von meiner Kindheit anschaue, dann bin ich immer der einzige mit einem Ball – dafür fast auf jedem Bild. Der Ball war mein ständiger Begleiter.»

Aufgewachsen ist der 23-jährige in Moosseedorf, einem Vorort von Bern, mit einem Bruder und drei Halbschwestern. Das Talent war früh erkennbar. «Für meine Entwicklung war es sicher förderlich, dass ich immer zu den besseren Junioren gehörte. Ich denke, Erfolg fördert die Begeisterungsfähigkeit für eine Sache. Aber Fussballprofi war für mich einfach ein Traum, so wie für viele Jungs und Mädchen in diesem Alter.»

«Ich dachte «wow» und realisierte, dass es was werden kann mit dem Fussball.»

Elia Alessandrini

Als Elia Alessandrini mit 14 Jahren zum ersten Mal für die Nachwuchsauswahl der Schweiz aufgeboten wird, ändert sich diese Sichtweise. «Ich dachte «wow» und realisierte, dass es was werden kann mit dem Fussball. Aus dem Traum wurde ein Ziel.» Mit seinen 23 Jahren wirkt Elia Alessandrini erstaunlich routiniert. Andererseits bewegt er sich seit ungefähr 18 Jahren im Fussballgeschäft und hat für vier unterschiedliche Vereine in den höchsten beiden Ligen des Landes gespielt.

In einer Zeit in der Fussballprofis mit 19 Jahren schon dreimal Meister und einmal Champions-League-Sieger geworden sind, wirken 23 Fussballerjahre vielleicht älter als sie es abseits der Fussballwelt sind. Elia Alessandrini ist keiner, der sich verstellt. Einer ohne Filter. Kein Heisssporn. Weder auf noch abseits des Feldes. Aber er ist einer mit Energie und Dynamik, der kein Duell scheut und mit seinem Einsatzwillen mitreissen kann. «Ich möchte Verantwortung übernehmen, das entspricht meiner Persönlichkeit», sagt er und blickt nun seinem zweiten Jahr im Kleinfeld entgegen.

War er in der vergangenen Saison noch als YB-Leihspieler beim SCK, hat er in diesem Sommer einen neuen Vertrag über eine Saison beim SC Kriens unterzeichnet und ist nun definitiv ins Kleinfeld gewechselt. «Es ist für mich sicher ein guter Schritt. Es war ein sehr positives erstes Jahr im Kleinfeld für mich, trotz meiner Verletzung.»

«Im Kleinfeld wird es einem leicht gemacht sich wohl zu fühlen»…

Elia Alessandrini

2017 wechselt Elia Alessandrini leihweise zum FC Thun, debütiert zwar in der Super League, verpasst aber eigentlich die ganze Saison aufgrund einer hartnäckigen Adduktorenverletzung.

Von Thun gehts im Sommer 2018 weiter in Tessin nach Chiasso in die Challenge League. Dort wird er Stammspieler und die Tessiner halten sich mit ihm ganz knapp in der Liga. Dann kommt das Interesse aus Kriens. «Ich hatte gute Gespräche mit Bruno Berner und Bruno Galliker. Dazu kenne ich Omer Dzonlagic sehr gut. Wir haben in Moosseedorf nur zwei Minuten voneinander gewohnt und sind auf den Fussballplätzen unseres Quartiers zusammen aufgewachsen. Albin Sadrijaj kannte ich zudem aus gemeinsamen Zeiten bei der Junioren-Nati. Beide haben sehr begeistert über den SCK gesprochen.»

Elia Alessandrini findet im Kleinfeld schnell den Tritt. Kommt auf viel Einsatzzeit und wird sofort zum verlässlichen Dauerläufer in der Defensive. Bis ihn erneut eine Verletzung stoppt. Beim Auswärtsspiel gegen Stade-Lausanne-Ouchy im Herbst 2019 reisst das Innenband seines Knies.

Er verpasste die restlichen Spiele der Vorrunde und auch den Rückrundenstart. Kurz vor dem Lockdown kehrt er auf den Fussballplatz zurück und steht nach der Corona-Pause dann in jedem SCK-Spiel über die volle Spielzeit auf dem Feld.

«Im Kleinfeld wird es einem leicht gemacht sich wohl zu fühlen», sagt er. Ein familiärer Verein der zusammenhält, vergleichbar mit dem FC Thun, findet Elia Alessandrini. «Wenn man als Spieler gut integriert ist und sich wohl fühlt, läuft es auf dem Platz oftmals besser. Man ist leistungsfähiger, wenn das Umfeld passt. Das eigene Leistungsmaximum verschiebt sich noch einmal ein bisschen.» Beim SC Kriens brauche es das, sagt er. «Wir haben keinen Überspieler, sondern die ganze Gruppe, der ganze Verein muss zusammenhalten, damit der Erfolg langfristig bleibt.»

Seit einem Jahr studiert Elia Alessandrini Jus an der Fernuni Schweiz. Trotz viel Fussball, hat er in all den Jahren die schulische Laufbahn nie vernachlässigt. «Meine Ausbildung hat immer auch etwas Druck vom Fussball genommen. Sie gab mir eine Alternative, falls es mit dem Fussball nicht klappen würde. Das hat sich bis heute nicht geändert.»

«Wir müssen uns aufeinander verlassen können, auf und neben dem Feld.»

Elia Alessandrini

Fussball und Studium, für Elia Alessandrini eine ideale Lösung. «Ich habe gelernt, dass Dreijahrespläne im Fussball kaum Sinn manchen. So wie es momentan ist, passt es für mich. Es braucht Disziplin, um unseren Spielbetrieb und mein Studium unter einen Hut zu bekommen, aber es tut mir gut, neben dem Fussball noch etwas anderes zu machen.»

In den aktuellen Zeit der Corona-Ungewissheit hilft es sowieso, sich neben der noch immer ungewöhnlich intensiven Fussballzeit gedanklich ablenken zu können. «Die Ungewissheit ist natürlich ein Thema bei uns in der Mannschaft und jeder Spieler hat noch mehr Verantwortung. Wir müssen uns aufeinander verlassen können, auf und neben dem Feld. Jeder muss sich so verhalten, dass er niemanden gefährdet.»

Trotz Ungewissheit sagt Elia Alessandrini mit Blick auf die anstehende Spielzeit: «Ich freue mich auf die nächste Saison im Kleinfeld. Die sportlichen Ziele lege ich zwar nicht fest, aber ich denke schon, dass wir uns in der Challenge League festbeissen- und ähnlich aufspielen können, wie in der vergangenen Saison.»

Über seine eigenen Pläne und Ziele verliert Elia Alessandrini dagegen nur wenige Worte. «Natürlich habe ich für mich persönlich die Ambition, in den nächsten Jahren nochmals höher Fussball spielen und wenn wir beim SCK als Mannschaft an die letzte Saison anknüpfen können, und ich gesund bleibe, dann ist vieles möglich», sagt er und denkt dabei vielleicht auch an seine Begegnung im Mittelkreis des Wankdorfs im Februar 2012.

X