Der Klub, der nie mehr verlieren wird

Kolumne «Eckball» von Oliver Kraaz

Fan eines Vereins zu sein, das kann ganz schön weh tun. Im Idealfall ein Leben lang. Wobei, der «Idealfall» ist nüchtern betrachtet, der Normalfall. Fan eines Vereins bleibt man ein Leben lang. Darin unterscheidet sich die Zugehörigkeit zu einem Verein von der Zugehörigkeit zu einer WhatsApp-Gruppe.

Das Verlieren und Leiden will aber gelernt sein. Das hat mit Charakterstärke zu tun, ähnlich dem morgendlichen kalten Duschen ohne Anlauf mit warmen Vorduschen. Meine Kindheit war bezüglich Fansein keine einfache Kindheit. Während andere mit sechs Jahren in ein Bayern-München-Shirt gesteckt und somit Niederlagen-immun wurden, wurde ich ohne Warnung mit dem SC Kriens infiziert.

Ein Jahr später war ich bereits zum ersten Mal abgestiegen. Erfahren habe ich es am Telefon. Die Telefon-Nummer 164 mit dem Sport-Resultatdienst war damals die schnellste Informationsquelle, um Resultate von Spielen zu erfahren, die nicht live übertragen wurden. Und das waren die meisten. Kriens sowieso.

Dieser letzte Spieltag. Mit einem Auswärts- sieg wäre noch der Ligaerhalt möglich gewesen. Mit zitternden Händen wählte ich also die drei Ziffern: 1-6-4. Hörte mir alle Resultate ab. Dann das ernüchternde Resultat. Und die monotone Stimme ab Band, die ohne Regung im Stile eines Serienkillers festhielt: «Kriens steigt damit in die 1. Liga ab.»

An das Gefühl erinnere ich mich heute noch. Furchtbar. Und jetzt die gute Nachricht: Grünweiss leiden muss nicht sein. Ich verrate euch einen Tipp, bei dem ihr sicher sein könnt, dass ihr an keinem Wochenende mehr verlieren werdet – aber auch kein Unentschieden erlebt, von Siegen ganz zu schweigen. Ich rede vom FC Celtic Belfast. Celtic Belfast, gegründet 1891, ist der nordirische und irische Rekordmeister, gewann die Meisterschaft und den Cup.

Das Besondere: Celtic spielt seit 1948 gar nicht mehr. Das hochexplosive Derby der katholischen Celtics gegen den protestantischen FC Linfield war das letzte Spiel der Vereinsgeschichte. So wie sich Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers seit über 100 Jahren die Knochen polieren, ging es auch bei Belfast gegen Linfield engagiert zur Sache. Als Höhepunkt wurde Celtics Jimmy Jones’ Bein im Zuge der knüppelharten Begegnung so zertrümmert, dass er zwei Jahre lang nicht mehr spielen konnte. Die Mannschaft entschied sich in den Monaten nach der Schlacht nie mehr anzutreten. Es folgte eine US-Tournee, dann war Schluss.

Heute lebt der Klub in der Belfast Celtic Society weiter. In ihr treffen sich Fans aller Generationen für Vorlesungen und Ausstellungen. Das Klublokal ist voller Urkunden, Pokal, und Zeitungsartikel. Auch einige verwackelte Filmaufnahmen der Celts sind zu sehen. Wo Museen Staub ansetzen, erwachen die Celtics bei jedem Treffen zu neuem Leben.

Das mag auch der Grund sein, wieso sich Fans der ganzen Welt in der Society zusammen- geschlossen haben, in der Freizeit Replikas des letzten Trikots tragen. Während Corona wurden auf Facebook Vorträge live gestreamt. 225’000 Personen schalteten sich dazu. Was der Klub in seiner Zeit den Menschen im mausarmen Belfast bedeutete, lässt der Spruch des Autors und Fans Bill McKavanagh erahnen: «When we had nothing, we had Belfast Celtic. Then we had everything.»

Aktuell spielt ein Klub unter dem gleichen Namen in der Liga. Er hat mit dem legendären Klub soviel zu tun wie die ABBA-Coverbands mit dem legendären schwedischen Quartett. Die Mitgliedschaft in der Celtic Belfast Society kostet übrigens nur 10 Pfund. Das könnte sich lohnen. Denkt bei der nächsten Challenge-League-Runde dran. Immerhin spielte Celtic auch in grünweissen Streifen.

(Diese Kolumne erschien im aktuellen Clubheft «Kleinfeld». Ich will auch so ein Clubheft)

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